Vorbemerkung
Es gibt Bücher, die sich nicht auslesen lassen. Sie bleiben im Kopf aufgeschlagen, auch wenn das Buch längst wieder im Regal steht. Ich weiß nicht mehr, welchen Roman oder welches Gedicht von Christian Haller ich wie oft gelesen habe. Bald war mir, die Texte würden ineinanderfließen – ich hatte es mit kommunizierenden Gefäßen zu tun, die nur scheinbar durch Buchdeckel voneinander getrennt waren.
Das Ganze ist bekanntlich mehr als die Summe seiner Teile, und das gilt besonders, wenn das Ganze noch gar nicht absehbar ist – denn Hallers Werk ist nicht abgeschlossen.
Die Hoffnung, besser zu verstehen, nährt sich an jedem Titel neu. Läßt sich die Faszination des Lesens erklären? Ohne diese Momente des Staunens und der Verblüffung kann ich mir ein Lesen jedenfalls nicht vorstellen. Sich auf Irritationen einlassen – anders geht es nicht.
Im Herbst 1999 schrieb mir Christian Haller in einem Brief: „Ich denke, daß wir uns ja immer mit einer Erklärung über den Abgrund hangeln, eine Begründung suchen, warum ‚es’ gerade mich erwischt: Selbst, wenn man verrottet, muß man noch einen Zwickel finden, um sich zu mögen und nicht ins nackte Entsetzen über sich selbst zu fallen – eine selbstgefällige Geste also.“ – Der Text antwortet auch auf eine Einschätzung meinerseits die Hauptfigur im Roman Strandgut betreffend. Damals hielt ich diesen Sid für einen Kotzbrocken, und womöglich zeugte meine Faszination für den Roman gerade davon, es mit einem Protagonisten zu tun zu haben, den ich eigentlich nicht mochte – das Buch aber umso mehr.
Heute übrigens sehe ich diesen Sid in einem andern Licht, doch davon später. Auch jenes im Brief apostrophierte „Es“ liest sich für mich inzwischen anders, es steht in einem größeren (Werk-)Zusammenhang – darauf will ich näher eingehen. Besonders achten werde ich mich auch auf die Möglichkeiten des Erzählens und die Figuren, die in dieses Erzählen gesetzt sind.
Und vielleicht gelingt es mir, bisher nicht gesehene Umwege zu gehen – von Unmittelbarkeit zu Unmittelbarkeit. Wenn ich nun ein weiteres Mal in das Haller’sche Werk eintauche, und dies für einmal schreibend, dann fraglos in der Hoffnung, wieder Neues zu entdecken, Irritationen zu erfahren.
Das Staunen in nüchterne Worte fassen… Einem solchen Unterfangen ist das Scheitern von vorneweg eingeschrieben. Und das ist gut so.
Essay zum Werk von Christian Haller
Neue Zürcher Zeitung 22. März 2008
Mitteilbares und Mittelbares
(als) Seit bald 30 Jahren untersucht der Aargauer Schriftsteller, Lyriker und Dramatiker Christian Haller die Mechanismen des Realen, sucht er Einblick ins Räderwerk der Wirklichkeitsmaschinerie und erforscht deren Nähte zum Traum, zur Illusion und zur Phantasie. Dabei wurden die Texte des vor sieben Jahren mit dem Preis der Stadt Zürich ausgezeichneten Autors bisher immer nur einzeln rezipiert. Deshalb möchte nun der Schriftsteller Markus Bundi, ehemaliger Kulturredaktor der «Aargauer Zeitung», mit seinem schmalen Bändchen «Von Unmittelbarkeit zu Unmittelbarkeit» einen essayistischen Gang durch das Gesamtwerk Hallers unternehmen. Denn je intensiver sich Bundi in die Texte des Kollegen vertieft hatte, desto stärker wuchs sein Eindruck, «die Texte würden ineinanderfliessen», er habe es mit «kommunizierenden Gefässen zu tun, die nur scheinbar durch Buchdeckel voneinander getrennt waren». Was sich die einzelnen Gedichte, Romane, Märchen und Theaterstücke Christian Hallers gegenseitig zuraunen, hält Markus Bundi in seinem losen poetologischen Streifzug fest, der den Leser anhand einzelner Leitmotive und Themenkomplexe quer durch Hallers Werk führt. Dabei kreist Bundis Essay auch immer wieder um die Frage nach der Entstehung der Welt durch Sprache und die Möglichkeiten des Mitteilens überhaupt, wie die eingangs vorgenommene Kurzinterpretation des Gedichts «Name, Verwandlung» exemplarisch aufzeigt. Markus Bundi: Von Unmittelbarkeit zu Unmittelbarkeit.
Essay zum Werk von Christian Haller. Edition Isele, Eggingen 2008. 88 S., Fr. 19.-.