Das schwarze Eisen
Christian Haller hat die Geschichte eines Mannes geschrieben, der zu einer der prägenden Gestalten seines Landes wurde: ein Schweizer Unternehmer, für den nur Härte zählte und die Fähigkeit, sich durchzusetzen, und der am Ende seines Lebens eingeholt wird von der Erinnerung an seine »einfache« Herkunft und erleben muß, wie sein Traum vom Aufstieg der Familie zerbricht.
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Der BUND, 25-8-2004>
Ein Umriss nur, doch übermächtig
Erinnerungen spielen die Hauptrolle in Christian Hallers neuem Roman «Das schwarze Eisen». Glanzvoll und wortgewaltig schreibt der Aargauer Schriftsteller Christian Haller die Saga einer Schweizer Industriellensippe weiter und verwebt darin die Wahrnehmung der eigenen Herkunft: Schatten einer glühenden Vergangenheit.Die H.s hiessen ehemals «Lämpe-Schniders». Sie gehörten zu den alten Ortsgeschlechtern und wohnten im Hinterdorf, in einer Bleibe, die eines Tages in Flammen stand. Die Familie fand sich im «Gullihaus» wieder. Sie hatten nichts, nicht einmal genug, um das Notwendigste zu zahlen. «Da!» sagte die Mutter deshalb zu Hans, «nimm, das ist alles, was ich dir geben kann. . . Und jetzt geh!» Der Sohn nahm das Glas mit den eingemachten Zwetschgen und ging zwei Tage nach Burgdorf, um Kommis zu werden, da er leserlich und sauber schrieb. Dort geschah dann die Sache, die ihm nur einen Ausweg bot: Mitten in der Nacht machte er sich auf, durch den Jura, Richtung Belfort, um ein «Bleu» im Orient zu werden. Légion étrangèreFünf Jahre verpflichtete er sich. Zum Dienst in der Wüste, im Posten der Söldner. Letztendlich ein Sergeant der Compagnie montée. Soldat Schnider, dem die Grande Nation das Ehrenzeichen eines Scharfschützen der Légion étrangère verlieh. Der sich ins Bein schoss und bis zuletzt am Stock ging. Der «es» nicht mehr los wurde, «diese Vergangenheit holte ihn ein, immer wieder, auf tückische, unvorhersehbare Weise». So legte er später das Tuch, das man auf das Gesicht der Ouled-Nail legte, wenn eine Hure in den Posten kam, auch auf das Gesicht seiner Gattin. Und sah in jeder vornehmen Frau jene junge Französin, die mit ihrem üppigen Dekolleté ihn erst angelächelt, dann verachtet hatte, am Hauptplatz von Sidi-Bel-Abbès, von wo aus er schliesslich über Tunesien und Sizilien desertierte.
Diese Zeit hinterliess einen weissen Fleck in seiner Biografie. Samt
einem Schatten auf dem Herzen. Die verheimlichte afrikanische Welt sorgte
dafür, dass Hans H. «das Leben in schwarzes Eisen goss».
Zurück in der Schweiz wurde er vorstellig bei den Maschinen- und
Stahlwerken in A., bei denen er sich ausserordentliche Verdienste um die
Firma in den Jahren des Ersten Weltkrieges erwarb. Das Unternehmen konnte
trotz schwieriger Beschaffungslage die Produktion verdoppeln. Jetzt war
Hans H. Aktionär und Direktor der Gesellschaft. Den Erfolg des Konzerns,
der sein eigener war, hatte ein perfektioniertes Stahlgussverfahren begründet,
bei dem die Schmelze mittels Strom im Ofen geschieht. Die Elektrizität
hatte sein Schicksal beflügelt, hatte ihn zu einer allseits geachteten
Persönlichkeit gemacht.Erinnerung «hervorklamüsern»
Überhaupt ist Elektrizität ein fester Bestandteil dieses Buches.
Christian Haller nutzt sie zur Spiegelung der Story. Dabei hat er in seinem
Roman «Das schwarze Eisen» nicht nur deren Genealogie versiert
verwebt, sondern macht sie zum Leitmotiv der Handlung. Einmal ist etwa
davon die Rede, dass sich schon Hans H.s Vater, «Schnider-Rüedu»,
an Bogenlampen und Illuminationen erfreute. Ein andres Mal bewahrt sie
Hans H.s Sohn sogar das Sehen: «Eine Landschaft war in seine Augen
gefallen», urplötzlich frass dunkler Nebel an dem Blick. Nur
dünne Nadeln, die der Arzt ins Auge stach, die Stromstösse leiteten
(eine «Kathodenelektrolyse»), schenkten ihm wieder den Tag:
«Licht, so wunderbar leicht wie flüssiger Äther, eine
lautere Durchsichtigkeit».
So kreuzt die Elektrizität das Leben der H.s auf eine fast mythische
Weise. Und immer ist es dazu auch die Vergangenheit der Hauptperson, die
glüht und deren Nachkommen vereinnahmt. Es lagen «Trümmer»
in ihnen, die ihr Geschick bestimmten und die sie weiterreichten, «Brocken,
allmählich zerschrotet zu einer Art Fossilienschutt». Übermächtig
die Bilder, das Glas eingemachter Zwetschgen, die Französin, das
Tuch. Ständig durchbrechen sie den Plot. Rückschauen und Blenden
schiebt Haller übereinander, komplettiert das Puzzle, das Epos der
Familie eines Schweizer Grossindustriellen. Die verkeilte Chronologie
der Ereignisse lässt die Erinnerungen verkanten, die – stockfleckig
geworden – Haller dem Erzähler nur häppchenweise verrät.
Der muss sie «hervorklamüsern, zusammenimaginieren».
Das «Kopfalbum» entsteht, Kaffee trinkend, auf der Veranda,
mit «Grossvaters Bild» im Sehfeld: «Das Wehr, die Schützen,
die Halle der Generatoren vor Jurazug und Hochkamin».Bilderfülle,
BildersturmLiterarisch prächtig, vollkommen wortgewaltig überdenkt
Haller die Wahrnehmung der eigenen Herkunft. Die prägt seine Figuren
ganz ausdrücklich, neben dem Grossvater und Vater auch jene der Mutter
des Erzählers. Sie vermisst ihr früheres Dasein schmerzlich,
sehnt sich zurück nach Bukarest, nach «ihrem» Rumänien,
zu den «Dingen vor der Zeit».
Damit schreibt Haller die Saga weiter. Denn das Fatum der Familie der Mutter hat er bereits in seinem Roman «Die verschluckte Musik» (2001) beschrieben. Hier zeichnet sich ein Thema ab, das neben Haller (geb. 1943 in Brugg) ein zweiter Autor der schweizerischen Gegenwartsliteratur aufgenommen hat. Auch Urs Widmer (geb. 1938 in Basel) hat mit «Das Buch des Vaters» (2004) und «Der Geliebte der Mutter» (2000) dem jeweiligen Elternteil seines Erzählers gedacht. Die Perzeptionsästhetik beider Schriftsteller ist grosse Erzählkunst: eine Bilderfülle, ergreifend dicht und überwältigend.
In Hallers «Schwarzem Eisen» offenbart sich im Abschluss ein Ikonoklasmus. Dem Kraftwerk, «Grossvaters Bild», dem «Palast der Turbinen», seiner «Utopie», wird ein anderes Bild gegenübergestellt: «Ein unscharfes, schattenhaftes Schwarzweissphoto, graue Würfel, zwei parallele, geschwungene, dunklere Linien, Karrenspuren in einem weichen Untergrund, rechts, auf einem Buckel, eine Gestalt – ein Umriss nur wie aus dem Gleichgewicht gebracht: Anfang einer Bewegung, die nie enden würde, weil unklar blieb, zu welchem Abschluss sie gekommen wäre.» Unscharf bleibt manches, die Personen, deren Nachnamen abgekürzt werden, die Orte, denen es nicht besser ergeht. Nur die Glut lodert deutlich hervor. Aus der Wüste, durch den Ofen, in Hans H.[i]
Das Buch Christian Haller: «Das schwarze Eisen». Roman. Luchterhand, München 2004. 320 Seiten, Fr. 39.50.
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Aargauer Zeitung, 26-8-2004
Eine poetische Familienarchäologie
«Das schwarze Eisen» Christian Hallers Spurensuche mündet in einen grossen RomanNach der Beschwörung der untergegangenen grossbürgerlichen rumänisch-schweizerischen Mutterwelt («Die verschluckte Musik», 2001) stellt sich Christian Haller jetzt weit ausholend und tiefschürfend der unbequemen Geschichte des Grossvaters väterlicherseits.Hans Ulrich Probst
Nicht aus privater Obsession, sondern aus gesellschaftlichem Interesse
betreibt der studierte Zoologe und Paläontologe Haller akribische
Familienarchäologie; wenn er jetzt den Lebensweg seines Grossvaters
väterlicherseits nachzeichnet, so sucht er nach kollektiv gültigen
Parametern für ein abenteuerliches individuelles Schicksal. Dem Typischen,
dem Exemplarischen gilt erst seine Forscherneugier, dann seine poetische
Energie. Und so ist «Das schwarze Eisen», fundiert recherchiert
und brillant gestaltet, zu einem packenden und literarisch eindringlichen
Dokument schweizerischer Industrie-, Sozial- und Mentalitätsgeschichte
der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geworden.
Selfmademan der Gründergeneration
Hans H. begegnet dem Leser erst als einschüchternd-imposanter, schweigsam-verschlossener
Grossvater, ehe wir ihn auf dem inszenierten Hochzeitsfoto von 1908 sehen,
wo er, gleichsam aus dem Nichts aufgetaucht, bereits als tatkräftiger
junger Direktor eines Eisen- und Stahlwerks im Aargau posiert. Konsequent
setzt der Selfmademan auf die neu im grossen Stil nutzbare Elek- trizität
und hat Teil an der Erfolgsgeschichte der helvetischen Elektro- und Eisenindustrie.
Die Schweiz, bis zur Jahrhundertwende ein karges agrarisch geprägtes
Auswandererland, erlebte damals dank Wasserkraft und neuer Leitungstechnologien
einen heutigen Ölfunden vergleichbaren Boom. Hans H. steht auf jenem
strammen Foto, das die Muss-Heirat, den Zustand der ungeliebten Braut
geschickt kaschiert, für jene Gründergeneration dynamischer,
autoritärer, risikobereiter Unternehmer, welche das Kapital mehren,
aber auch das Land vorwärts bringen wollten.
Seine Herkunft und Vergangenheit freilich bleiben selbst seinen Nächsten,
der Gattin und den drei Söhnen, zeitlebens verborgen, obwohl sie
der eigentliche Schlüssel sind zum Verständnis sowohl seiner
unbeugsamen, ja brutalen Härte im Betrieb - «aufräumen
und abfahren» heissen seine Lieblingsausdrücke - als auch seiner
rücksichtslosen Dominanz gegenüber den Söhnen, für
die der Patriarch bis ins Erwachsenenalter entscheidet, wo sie zu arbeiten
und zu leben haben.
Eine Annäherung ans Vergessene
Der Enkel und Autor, der jetzt Licht in dieses Dunkel bringt, lässt
die Lesenden nicht lange rätseln: Christian Hallers Darstellung setzt
nicht auf die Spannung der Enthüllung, sondern auf die facettenreiche
Annäherung ans Vergessene und Verdrängte, auf das subtile Nachzeichnen
der geraden und krummen Wege, die dieser «gewaltige Mensch in seiner
Unzugänglichkeit» gegangen ist: Geboren als Sohn eines mittellosen
Störschneiders im Wynental, wird Hans H. nach des Vaters frühem
Tod als Verdingbub weggegeben, ein Los, dessen Härte wir bis heute
erst erahnen. Trotz bester Schulleistungen bleibt ihm der ersehnte Lehrerberuf
verwehrt (den der Autor und Lieblingsenkel dann zunächst gewählt
hat). Mit einem Einmachglas Zwetschgen in der Hand schickt ihn die Mutter
zu einer Bürolehre nach Burgdorf; nach einem unerlaubten Griff in
die Kasse flieht er in die Fremdenlegion, wo ihm mit Glück und Geld
die Desertion gelingt.
Diese Erfahrungen, Armenhaus und Fremdenlegion, bleiben die bestimmenden,
der Umwelt indes verborgenen Traumata dieser Figur, welche Haller findend
und erfindend erschafft, in raffinierter Vermischung von Fakten und Fiktion.
Gebannt, mitunter auch abgestossen folgt der Leser diesem Mann von unbeugsamer
Härte, immun gegenüber allen «lackierten Angebern»,
meist mit Goldstücken in der Tasche, die er auch statt Äpfel
an den Weihnachtsbaum hängt und den Enkeln je nach Schulzeugnis schenkt
- Symbol dafür, dass er es geschafft hat. Dennoch bleibt ihm am Ende
bloss das Gefühl grosser Vergeblichkeit, die sich «wie Schimmel
in all das Erarbeitete und Erreichte» frisst. Denn der Zenit der
Eisenindustrie, der Hans H. mehr als 40 Jahre gedient hat, ist überschritten.
Und er muss erkennen, dass seine stets instrumentalisierten Söhne,
denen er (Traum des Besitzes) ein Eisenwerk gekauft hat, nicht reüssieren
werden, dass von ihm wenig bleiben wird
Bilder aus dem «Kopfalbum»
Hallers hochpoetisches Projekt, das auch wunderbare Echos und Spiegelungen
zum Vorgängerbuch «Die verschluckte Musik» enthält,
unternimmt in 26 sublim komponierten und motivisch stringent verbundenen
Kapiteln den Versuch, eine Gesamtsicht auf diese so imposante wie schillernde
Figur und ihre Zeit zu gewinnen.
Angesichts der kraftvollen Helden erstaunt nicht, dass darob die anderen
Figuren eher am Rande verbleiben. Da drängt sich ein weiteres Buch
für die Lesenden förmlich auf. Was jetzt vorliegt, ist allemal
faszinierend: Wie Haller in immer neuer Perspektive, mit immer neuen schlagenden
Bildern aus seinem «Kopfalbum» in sprachlich sorgfältig
entworfenen Szenen sein Porträt dieses «in seiner Einsamkeit
anrührenden» Mannes entwickelt und zugleich unaufdringlich
zur vielschichtigen Darstellung der Gesellschaft, der Epoche weitet, davon
hat man nach dreihundert Seiten längst nicht genug.
Christian Haller: Das schwarze Eisen. Roman. Literaturverlag Luchterhand,
München 2004. 313 S., 39.50.
© AZ Medien Gruppe - Alle Rechte vorbehalten Gedruckt am 26.08.2004
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St. Galler Tagblatt, 16-9-2004
Ein Umriss nur, doch übermächtig
Das Eisen gebrochen
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Tages Anzeiger, Zürich, 25-8-2004
Titelvorschlag: Vom Glück, die Natur zu bändigen
Christian Hallers Roman "Das schwarze Eisen" erzählt von einem ungestümen Aufsteiger und lässt eine untergegangene Schweiz auferstehen.nach oben
NZZ am Sonntag, 26-9-2004
Ein Einmachglas Zwetschgen als Startkapital
Christian Haller legt mit "Das schwarze Eisen" einen grossen
Schweizer Roman vor. Von Manfred Papst
Vor drei Jahren erschien Christian Hallers autobiografisch inspirierter
Roman "Die verschluckte Musik". Er führte in die Welt der
Mutter, die als Tochter eines Schweizer Textilindustriellen in Bukarest
eine grossbürgerliche Kindheit verbracht hatte; fremder Zauber, Glanz
und Weite leuchteten dem Erzähler von dort in die Kindheit.
Nun wendet sich der 61-jährige Aargauer Erzähler der ganz anderen
Welt seines Grossvaters väterlicherseits zu. Sein Interesse erschöpft
sich indes weder im Familiengeschichtlichen noch im Psychologischen. Haller,
der Biologe und Paläontologe, zielt aufs Exemplarische: in diesem
Fall auf ein Stück Schweizer Industrie-, Sozial- und Mentalitätsgeschichte
in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
War im "Mutterbuch" der Abstieg einer kultivierten Kaufmannsfamilie
zu verfolgen, so tritt hier aus dem Nebel des "Stumpenlands"
ein Aufsteiger auf den Plan: ein vierschrötiger Mann, der als Kind
eines Störschneiders im Wynental aufwächst, sich vom Armenhäusler
und Verdingbub hocharbeitet und als Unternehmer in der Stahlindustrie
reich wird - bevor er am Ende genau durch die Eigenschaften, die ihm zum
Erfolg verholfen haben, sein Lebenswerk wieder gefährdet.
Dieser Grossvater begegnet uns als eigensinniger, bisweilen aufbrausender,
meist aber verschlossener Patron. Selbst für seine Frau und seine
drei Söhne gibt es "weisse Flecken" in seiner Geschichte.
Was da verborgen und verdrängt, verleugnet und vergessen wurde, will
der Enkel herausfinden. Es geht ihm aber nicht ums Enthüllen, Abrechnen
und triumphierende Bescheidwissen, sondern um eine sorgsame Spurensuche,
die uns den Grossvater seltsam nahebringt, ohne dass er in seiner - gestaltenden
wie zerstörerischen - Urgewalt verharmlost würde.
Wir sehen ihn zunächst als Knaben, der mit nichts als einem Einmachglas
Zwetschgen in der Hand in eine Bürolehre nach Burgdorf geschickt
wird. In einem unbeobachteten Moment langt er dort in die Kasse des Lehrmeisters
und muss in die Fremdenlegion fliehen. Fünf Jahre verbringt er in
Nordafrika, bevor er desertiert und in die Schweiz zurückkehrt. Das
alles bleibt - auch vor der Familie - sein Geheimnis. Aus diesem aber
erwächst ihm die Kraft, ein Familienimperium zu errichten und zu
regieren, als er nach seiner Rückkehr bei den Maschinen- und Stahlwerken
in A. vorstellig wird und den durch die Entdeckung der Wasserkraft entstandenen
industriellen Boom auszunützen versteht. Er weiss, was Krieg und
was Armut ist. Die anderen nicht. Deshalb bleibt er auch als Direktor
misstrauisch gegenüber den "lackierten Angebern" um ihn
herum.
Im Schatten dieser übermächtigen Figur steht der Vater des Erzählers,
eine empfindlichere, auch unsicherere Natur, ein Mann zudem, der in der
Mitte seines Lebens plötzlich mit einer Erblindung zu kämpfen
hat, die mehrere Operationen sowie Sanatoriumsaufenthalte nötig macht.
Zwar gelingt es ihm dennoch, für seine elegante, weltläufige
Frau und die Kinder eine eigene Existenz aufzubauen. Doch die Fäden
zieht bis zum Tag seines Todes der Grossvater. Als er dem Familienrat
mitteilt, dass er eine Fabrik gekauft habe, die seine Söhne zu übernehmen
hätten, gibt es keinen Widerspruch.
Auf den ersten Blick wirkt die enge, arbeitsame Aargauer Welt dieses neuen
Buches von Haller karger als die Bukarester Pracht. Doch auch hier beschwört
der Autor die Magie einer untergegangenen Welt so präzis wie eindringlich.
Wie gelingt ihm das?
Sein Stil hat etwas Erratisches. Es stellen sich kaum Vergleiche mit anderen
Schriftstellern ein. Viel leichter kann man sagen, wie Christian Haller
nicht schreibt. Alles Gefällige geht ihm ab. Er macht keine Schnörkel.
Nichts in seiner Prosa ist duftig und leicht hingeworfen. Er ist auch
kein Autor, der seine Virtuosität feiert. Seine Sätze sind streng
gefügt und dicht, manchmal kantig, dabei aber anschaulich, sinnlich
und klar. Sie fügen sich ineinander, wie Eisenteile in einem Stahlwerk
ineinander gefügt werden. Haller braucht den Widerstand des Materials.
Er schreibt ernst, aber nicht angestrengt - und auch nicht ohne Humor:
Er entdeckt ihn in den Dingen selbst.
Auf eine versteckte Weise ist Haller sogar virtuos. Am besten sieht man
das an den Passagen über die Fremdenlegion, den weissen Flecken in
der Biografie des Grossvaters. Wo immer sie im Verlauf des komplex gebauten
Buchs auftauchen, werden sie mit Motiven und Personen aus Friedrich Glausers
Legionsroman "Gourrama" verwoben, ohne dass die Montage sich
im gebildeten Spiel erschöpfte.
"Das schwarze Eisen" ist zudem auf jeder Seite ein Stück
kenntnisreich und kritisch beschriebene Schweizer Geschichte. Aber wir
haben nie das Gefühl, dass der Autor uns belletristisch verpackten
Nachhilfeunterricht erteilen will, wie er etwa in Otto F. Walters "Zeit
des Fasans" an uns vollstreckt wird: Persönliches und Historisches
gehen völlig ineinander auf._Christian Haller schreibt nicht "spannend"
im trivialen Sinn, und man verrät wenig über seine Bücher,
wenn man ihren Plot preisgibt. Das "Spannende" ereignet sich
in den einander überlagernden Bildern, im Rhythmus der Sätze.
Ihre Textur, die immer nah an der gesprochenen Sprache bleibt, hat die
Kraft bewegten Wassers.
Die kontrastive Anlage der beiden erwähnten Romane ist augenfällig.
Als zentrale Motive stehen sich Erinnern und Verdrängen gegenüber.
Ihnen entsprechen die literarischen Verfahren, ihnen entspricht bis ins
Detail die Motivstruktur. Im "Mutterbuch" ging es darum, eine
Überfülle flutender Bilder in eine Form zu bringen, im "Vaterbuch"
geht es darum, aus disparaten Mosaiksteinen ein plastisches Bild zusammenzusetzen.
In beiden Fällen überzeugt das Ergebnis. "Das schwarze
Eisen" muss den Vergleich mit Inglins "Schweizerspiegel"
nicht scheuen.
Einführung
Christian Haller, Literaturhaus Zürich, 15.9. 2004 durch
Manfred Papst
Meine sehr geehrten Damen
und Herren
Auch ich begrüsse Sie ganz herzlich zu diesem Abend, in dessen Mittelpunkt
also Christian Hallers neuer Roman "Das schwarze Eisen" steht.
Sie können sich mit mir auf die nächste Stunde freuen, denn
wir haben es hier mit einem ganz ausserordentlichen Werk zu tun, das zum
einen die Familiengeschichte des Autors erkundet, uns zum andern aber
auch ein veritables Epochenbild der Schweiz vermittelt. Aus den Anfangskapiteln
dieses Buches werden wir Christian Haller einige Schlüsselpassagen
lesen hören; im anschliessenden Gespräch wollen wir versuchen,
einige Spuren vom Autor zum Text hin zu legen, und im Anschluss an die
Lesung einer zweiten, ganz kurzen Textpassage sind Sie eingeladen, das
Gespräch durch Ihre eigenen Beiträge zu bereichern. Zunächst
aber darf ich Ihnen kurz berichten, worum es es in dem Text geht und wie
es mir mit ihm ergangen ist.
Wir können "Das schwarze Eisen" auf zweierlei Weise lesen: als eigenständiges Werk oder als Teil eines Diptychons. Vor drei Jahren hat Christian Haller nämlich den autobiographisch inspirierten Roman "Die verschluckte Musik" veröffentlicht. Er befasst sich mit der Mutter des Autors, die als Tochter des Schweizer Direktors einer Textilfabrik eine grossbürgerliche Kindheit im alten Bukarest verbrachte; die Weite, der Glanz, auch der fremdartige Zauber dieser Welt leuchteten dem Erzähler in seine Schweizer Kindheit.
Neben dieses Mutterbuch tritt
nun das Vaterbuch. Natürlich denken wir bei dieser Konstellation
an Urs Widmers in ähnlichem Zeitabstand, nämlich 2000 und 2004,
erschienene Werke "Der Geliebte der Mutter" und "Das Buch
des Vaters". Die Parallele ist verführerisch, doch der Ansatz
ist jeweils ein anderer:
Geht es bei Widmer ganz wesentlich um diese beiden Individuen, so hat
Haller den ganzen Familienverband und noch mehr im Sinn. Zwar spielt der
dominante Grossvater, von dem wir sogleich noch mehr hören werden,
eine Hauptrolle, aber es ist nicht die einzige; auch der Vater des Autors,
der sein halbes Erwachsenenleben lang Sohn bleibt, seine beiden Brüder,
seine Frau, seine Kinder und weitere Verwandte treten in unser Blickfeld.
Das Interesse des Erzählers erschöpft sich indes weder im Psychologischen noch im Familiengeschichtlichen, ob man den Begriff nun in einem heimatkundlichen oder in einem analytisch-soziologischen Sinn versteht. Es zielt auf das Exemplarische im Einzelnen. Vergessen wir nicht, dass Haller, der Paläontologe und Zoologe, den Blick stets AUCH aufs Allgemeine richtet! Deshalb ersteht in seinen Figuren, so stark sie als individuelle Charaktere konturiert sind, auch das Übergeordnete, nämlich ein Stück schweizerischer Industrie- und Sozialgeschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
In der Geschichte vom schwarzen Eisen vollzieht sich die umgekehrte Bewegung wie im Mutterbuch. Hatten wir es dort gleichsam mit einer Buddenbrook-Welt zu tun, also mit dem Abstieg einer grossbürgerlichen Kaufmannsfamilie, mit reich ausstaffierten Interieurs und den entsprechenden Überzeugungen, so tritt uns hier ein Aufsteiger entgegen: Ein vierschrötiger, zielstrebiger Mann, der als Armenhäuslerkind eines Störschneiders im aargauischen Wynental und Verdingbub die denkbar schlechtesten Vorraussetzungen einer Karriere hat, sich aber hocharbeitet und als Unternehmer in der Stahlindustrie zu einem reichen Mann, ja sogar zu einem nationalen Machtfaktor wird - bevor er am Ende genau durch die Eigenschaften, die ihm zum Erfolg verholfen haben, sein Lebenswerk wieder gefährdet.
Diesen Grossvater sehen wir mit den Augen des Enkels. Wir sehen einen eigenwilligen und bisweilen aufbrausenden, meist aber verschlossenen Mann. Selbst für seine Frau und seine drei Söhne gibt es "weisse Flecken" in seiner Geschichte. Was da verborgen und verdrängt, verleugnet und vergessen wurde, will der Enkel herausfinden. Es geht dabei aber nicht ums Entlarven und Enthüllen, ums Abrechnen und triumphierende Bescheidwissen, sondern um eine sorgsame Spurensuche und dabei auch immer wieder um kritische Selbstvergewisserung. Dadurch kommt uns der Grossvater nahe, ohne dass er in seiner gestaltenden und zerstörerischen Kraft verharmlost würde.
Eher beiläufig erfahren wir, dass er seine Frau heiraten MUSSTE, weil sie schwanger war, und dass er eigentlich eine andere liebte, und wenn wir noch tiefer unten in seiner Vergangenheit anlangen, begreifen wir allmählich, was zuvor geschah, nachdem er von der Mutter mit nichts als einem Einmachglas voll Zwetschgen in der Hand in eine Bürolehre nach Burgdorf geschickt worden war: In einem unbeobachteten Moment hat er in die Kasse des Lehrmeisters gelangt. Mit dem gestohlenen Geld in der Hand sah er keine andere Möglichkeit mehr, als abzuhauen und in die französische Fremdenlegion zu gehen, wo er fünf Jahre lang diente, bevor ihm Gras über seine Geschichte gewachsen war und ihm die Desertion sowie die Flucht zurück in die Schweiz gelang.
Diese Erfahrungen - Armenhaus, Deklassierung, Fremdenlegion, Flucht - hat der Grossvater niemals vergessen - auch nicht, als er nach seiner Rückkehr bei den Maschinen- und Stahlwerken in A., vermutlich Aarau, vorstellig wird und den durch die Entdeckung der Wasserkraft entstandenen Boom in der Schweizer Industrie für seine Geschäfte auszunützen lernt. Er entwickelt ein neues Stahlgussverfahren, bei dem der Stahl mithilfe von Strom in einem Ofen geschmolzen wird, und wird Aktionär, ja sogar Direktor der Gesellschaft. Dennoch bleibt er ein Aussenseiter und misstrauisch gegenüber den "lackierten Angebern" seiner neuen Gesellschaftsschicht, die es leichter hatten als er. In seiner Familie wie in seinem Unternehmen ist er ein Patron, der zwar unglaublich tüchtig, fleissig, auch schlau ist, mit dem man aber nur auskommen kann, wenn man seine Spielregeln akzeptiert. Mit der Natur verfährt er im übrigen genau so wie mit der Familie: Flussläufe werden korrigiert und Ufer verbaut, wenn es der eigenen Sache, in diesem Fall der Stromversorgung, nützt.
Im Schatten dieses übermächtigen Mannes stehen alle seine Angehörigen: sowohl der Vater des Erzählers, eine empfindlichere, auch unsicherere Natur, ein Mann zudem, der in der Mitte seines Lebens plötzlich mit massiven Sehstörungen, ja einer teilweisen Erblindung zu kämpfen hat, die mehrere Operationen mit stromgeladenen Nadeln sowie Sanatoriumsaufenthalte nötig macht. Wir dürfen darin wohl eine Symbolik erblicken: Der Strom, der den Grossvater reich und mächtig gemacht hat, bewahrt dem Vater immerhin noch die Sehkraft und restituiert die Normalität. Zwar versucht der folgsame, still in sich hinein leidende Sohn immer wieder mit seinen Mitteln, für seine Familie und besonders für seine elegante, weltläufige Frau aus Bukarest eine eigenständigere Existenz aufzubauen. Doch die Fäden zieht bis zum Tag seines Todes der Grossvater. Als er eines Tages dem Familienrat mitteilt, dass er eine Fabrik gekauft hat, die seine Söhne leiten sollen, gibt es keinen Widerspruch, obgleich die Angehörigen des Erzählers sich in Basel viel glücklicher gefühlt haben als dort, wo sie nun hinmüssen.
Ich könnte Ihnen noch stundenlang weiter von dem Buch erzählen, denn es ist reich, dicht gewoben, prall von Geschichten und Schilderungen von dunkler Leuchtkraft. Dennoch möchte ich nun weg vom Was und hin zum Wie kommen, das in der Kunst bekanntlich die Hauptsache ist. Nur noch soviel: Auf den ersten Blick haben wir es hier mit einem spröderen Stoff zu tun als in Christian Hallers Mutterbuch mit seiner arabeskenreichen Poesie des versunkenen Bukarest mit seiner Fin-de-Siècle-Pracht. Doch dieser Eindruck ist nur zum Teil richtig. Auch in "Das schwarze Eisen" beschwört Haller die Magie einer untergegangenen Welt, und er tut das mit grosser Eindringlichkeit und Präzision. Wie aber schafft er das?
Sein Stil ist ein im Wortsinn eigenartiger. Er hat etwas Erratisches. Es stellen sich kaum Vergleiche mit anderen Schriftstellern ein. Viel eher kann man in einer Intervallschachtelung sagen, wie Christian Haller NICHT schreibt. Alles Gefällige geht ihm ab. Er macht keine Schnörkel, keine Pirouetten. In seiner Prosa ist nichts duftig und leicht hingeworfen, es gibt in ihr nichts Flüchtiges, Tänzerisches. Er ist kein Autor, der seine Virtuosität feiert. Glauben Sie nun übrigens bitte nicht, dass ich diese Begriffe alle in abwertendem Sinn verwendete und der Kunst des Faltenwurfs die klare Form eines strengen Prosaquaders entgegenstellen wollte. Ich reklamiere hier keine schmucklose Eigentlichkeit. Auch grosse Kunst kann Brillanz und Allure haben, und sie kann Vergnügen über ihr Gelingen zeigen. Das ist vollkommen in Ordnung. Hier aber haben wir es nun einmal mit einer ganz anderen Art von Kunst zu tun.
Christian Hallers Prosa ist streng gefügt und dicht, manchmal kantig und schroff, dabei aber anschaulich, sinnlich und so klar wie möglich. Sie arbeitet mit Überblendungen und fügt die Teile ineinander, wie sie in einem Stahlwerk ineinander gefügt werden mögen. Sie macht sich ein schweres, träges Material gefügig, aber sie tut ihm keine Gewalt an. Manchmal erinnert sie an komplizierte Maschinen, an schweres Gerät. Sie ist nicht immer leicht zu lesen, obwohl man jedes Wort versteht und nirgends absichtsvoller Tiefsinn zu entdecken ist. Sie ist konkret und genau, sie bleibt bei den Dingen und verirrt sich nicht in essayistischen Eventualitäten. Sie ist nicht hingetuscht, sondern gemeisselt. Aber sie ist nicht verkrampft oder feierlich, und sie ist auch nicht humorlos: Aber sie macht keine oberflächlichen Spässchen, sondern entdeckt den - oftmals grimmigen - Humor in den Dingen selbst.
Auf eine versteckte Weise ist sie sogar virtuos. Am besten sieht man das an den Passagen über die Fremdenlegion, den weissen Flecken in der Biographie des Grossvaters. Wo immer sie im Verlauf des in Bezug auf die Zeitebenen ziemlich komplex gebauten Buchs auftauchen, werden sie aufs Kunstvollste überblendet und verwoben mit Motiven und Personen aus Friedrich Glausers grossem Legionsroman “Gourrama”. Wie Haller das macht, ist grandios - gerade weil es ein Angebot an den Leser ist, das dieser annehmen kann oder auch nicht. Wer “Gourrama” kennt, liest hier einen Subtext mit, aber die Lektüre funktioniert auch ohne Vorkenntnisse, denn sie erschöpft sich nicht im bildungsbeflissenen Spiel.So geht es übrigens auch mit der zeitgeschichtlichen Dimension des Textes. Wer genau liest, kann in "Das schwarze Eisen" ein Stück kritisch und präzis beschriebene Schweizer Industriegeschichte entdecken. Aber der Text ist so dicht gewoben, dass auch diese Elemente völlig in ihm aufgehen. Wir haben hier nie das Gefühl, dass der Autor uns belletristisch verpackten historischen Nachhilfeunterricht erteilen will, wie er etwa in Otto F. Walters "Zeit des Fasans" an uns vollstreckt wurde. "Das schwarze Eisen" ist zwar kein in einem oberflächlichen Sinn "spannendes" Buch, es ist nicht auf eine Pointe hin geschrieben, und man verrät fast nichts von ihm, wenn man seinen Plot preisgibt. Das "Spannende" ereignet sich im Rhythmus der Sätze, in der Kraft der einander überlagernden Bilder. Die Textur ist dicht. Dennoch bleibt sie nah an der gesprochenen Sprache, am natürlichen Atem, am Pulsschlag des Menschen, so dass sie nicht gekünstelt oder konstruiert wirkt. Für meine Begriffe hat Christian Haller mit den beiden Romanen "Die verschluckte Musik" und "Das schwarze Eisen" eine Stufe erreicht, die ihn an die Epik Meinrad Inglins anschliessen lässt.
Eingangs habe ich davon gesprochen,
dass im Vater- und im Mutterbuch zwei gegenläufige soziale Bewegungen
zu beobachten sind. Zur kontrastiven Anlage der beiden Bücher liesse
sich noch etliches mehr anfügen. Ist das zentrale Motiv des Mutterbuchs
die Erinnerung, so ist es im Vaterbuch die Verdrängung. Dem entsprechen
die literarischen Verfahren, dem entspricht bis ins Detail auch die Motivstruktur.
Im Mutterbuch ging es darum, eine Überfülle flutender Bilder
in eine Form zu bringen, im Vaterbuch geht es darum, aus disparaten Mosaiksteinchen
ein Bild zusammenzusetzen. In beiden Fällen ist das Resultat farbig,
lebensprall, überzeugend. Wie es dazu kommt, darüber möchte
ich mich alsbald mit dem Autor unterhalten. Besonders die Fragen nach
Quellensuche und Fiktion, nach Entdeckung und Verfremdung, nach biographischem
Kern und künstlerischer Gestaltung soll uns beschäftigen. Es
wird auch zu fragen sein, wie viel der Mensch, der hier unter uns sitzt,
der laut Twixtel in Laufenburg wohnt und als Beruf "Schriftsteller"
angibt, mit dem Ich-Erzähler zu tun hat, der im Buch auf der Terrasse
seines Hauses in L. sitzt und sich so seine Gedanken macht. Zunächst
aber haben wir das Vergnügen, Christian Haller lesen zu hören.
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Neue Zürcher Zeitung
Der Ruck im Strom des Erzählens
Christian Hallers Roman «Das schwarze Eisen»Samuel
Moser
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Elektrifizierte Seelen
Auch wenn sie hier betont wird, die Metaphorik ist höchst unauffällig,
unaufdringlich, die Sprache des Romans detailverliebt und persönlich.
Christian Haller schließt mit dem "Schwarzen Eisen" an
sein ebenfalls autobiografisch inspiriertes Buch "Die verschluckte
Musik" an. Ging es dort um die Welt der Mutter, die als Tochter eines
Schweizer Textilindustriellen in Bukarest eine großbürgerliche
Kindheit verbrachte, handelt das neue Buch vom väterlichen Zweig
der Familie. Die Familiengeschichte Hallers ist zugleich ein Stück
Schweizer Industrie-, Sozial- und Mentalitätsgeschichte der ersten
Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Autor führt uns durch Wohnzimmer,
Landschaften und Werkhallen. Und alles vereint im "Dörfli"
in der Landesausstellung, das zum Leitbild schweizerischen Lebens wurde.
"Ein frühes Disneyland, das durch ,Innenkolonisation' - wie
ein Ausstellungsteil hieß - auf das ganze Land ausgedehnt werden
sollte und in Teilen, wie den Gewässerkorrektionen, auch schon verwirklicht
war."
Erinnert die Familiensaga Hallers an Thomas Manns "Buddenbrooks",
so ist der Sanatoriumsaufenthalt bei ihm eine beabsichtigte Parallele
zu Thomas Manns "Zauberberg". Warf dort der Erste Weltkrieg
seine Schatten voraus, ist es hier das Dritte Reich. Der Physiker Löw
bestätigt bei einem dieser Sanatoriumsgespräche die Ambivalenz
des technischen Fortschritts. "Kandinsky, Chagall, das Entstehen
der Avantgarde am Anfang des Jahrhunderts hat mit der Elektrizitätsforschung
zu tun, mit dem Ikonoklasmus der Physik, und diese Maler und ihre Bilder
werden jetzt abgelehnt, wie ich und meine Arbeit auch, sie werden zerstört,
ihre Schöpfer verfolgt, während man gleichzeitig Hertz Entdeckung,
die Radiowellen, den ,Äther', wie Löw spöttisch beifügte,
auf so schamlose Weise missbraucht." Wie die faschistische Propaganda
und der Krieg auch vor der Schweizer Grenze nicht Halt macht und wie auf
ganz persönlicher Ebene Aufklärung in Mythos umschlägt,
hat Haller in seinem Roman anhand einer außergewöhnlichen Familiengeschichte
eindrücklich nachgezeichnet.
Christian Haller: "Das schwarze Eisen".
Roman. Luchterhand Verlag, München 2004,
400 Seiten, 22,50 Euro
taz Magazin Nr. 7531 vom 4.12.2004
GUSTAV MECHLENBURG
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WOZ vom 14.10.2004 - Ressort Kultur
Schweigender Chrampfer
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literaturkritik.de » Nr. 12, Dezember 2004 » Deutschsprachige Literatur
Ein Umriss nur, doch übermächtig
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Süddeutsche Zeitung
Eisenherz mit Stahlseele
ALEXANDER KISSLER
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