Die verschluckte Musik

Eine untergegegangene Welt lebt wieder auf, jene elgante, kultivierte Welt, die der rumänischen Hauptstadt Bukarest den Ruf eines "Paris des Ostenns" eingetragen hatte. Dort wächst die Mutter des Erzählers in einer großbürgerlichen Atmosphäre auf und kann scheinbar ohne Sorgen ihre Tage verbringen. Doch bald kündigen sich die Katastrophen des Jahrhunderts an, die auch über diese Familie hereinbrechen werden.

Hallers Erzählkunst ist eindrucksvoll, glänzend und dicht wie realistisches Erzählen im späten neunzehnten Jahrhundert. Äusserste reflektiert und hier ganz Kind seines eigenen Jahrhunderts, zeigt er dabei die Mittel der Illusionierung, die ihm als Autor zur Verfügung stehen, um Szenen und Personen eines verblichenen Universums vor Augen zu führen.
Neue Zürcher Zeitung

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Jahrbuch der Allgemeinen Deutschen Zeitung, 2011
Dr. Markus Fischer

Literarische Bilder von Bukarest in Christian Hallers „Trilogie des Erinnerns“

Der Schweizer Schriftsteller Christian Haller, 1943 in Brugg geboren, hat mit seinen drei Romanen „Die verschluckte Musik“ (2001), „Das schwarze Eisen“ (2004) und „Die besseren Zeiten“ (2006) ein monumentales Generationsepos vorgelegt, das den Vergleich mit den großen Familien- und Gesellschaftsromanen des 20. Jahrhunderts nicht zu scheuen braucht. Für die in der „Trilogie des Erinnerns“ zusammengefassten Romane wurde der vielseitige Autor 2007 mit dem renommierten Schillerpreis und ein Jahr zuvor mit dem Aargauer Literaturpreis ausgezeichnet.

Schauplatz dieser drei Generationen umspannenden Familiengeschichte ist nicht allein die Schweiz, sondern, vor allem im ersten Roman „Die verschluckte Musik“, auch Rumänien, insbesondere die Hauptstadt Bukarest. Dieses Faktum liegt in der Lebensgeschichte der Mutter des Ich-Erzählers begründet, die als Dreijährige mit ihrem Bruder und ihren Eltern nach Bukarest zieht, wo ihr Vater im Jahre 1912 zum Direktor einer Baumwollfabrik ernannt wird. Die Mutter verlebt nahezu ihre gesamte Jugend in der rumänischen Hauptstadt, bis die Familie im Jahre 1926 endgültig Rumänien verlässt. Der Abschied aus Rumänien bedeutet für die Mutter nicht nur den Abschied von der Familienvilla in der Strada Morilor, dem geschützten Raum ihrer Kindheit und Jugend, sondern auch den Verlust einer großbürgerlichen Lebensweise, die sie in ihrem späteren Leben niemals wieder genießen wird.

Dieses Unwiederbringliche einer leuchtenden, ja gleißenden rumänischen Vergangenheit wird zum Signum, ja zum Stigma im Leben der Mutter, dem sich auch der Sohn, der Ich-Erzähler der Romantrilogie, nicht entziehen kann. Im Jahre 1997, mehr als siebzig Jahre nach der Ausreise der Mutter aus Rumänien, als die Mutter in der Schweiz bereits in einem Pflegeheim lebt, aber in ihren wachen Momenten immer noch von ihrer rumänischen Vergangenheit schwärmt, reist der Ich-Erzähler für eine Woche nach Bukarest, um das Haus in der Strada Morilor aufzusuchen und seiner Mutter von den Orten ihrer Kindheit zu berichten.

Für einen Leser, der Bukarest kennt und mit den rumänischen Verhältnissen vertraut ist, aber auch für jeden anderen unvoreingenommenen Leser ist Christian Hallers Romantrilogie aus mehreren Gründen interessant. Erstens, weil hier Bilder der rumänischen Hauptstadt von großer schriftstellerischer Sensibilität, sprachlicher Artistik und realistischer Lebensnähe entworfen werden; zweitens, weil diese Bilder immer in historischer Brechung und zeitversetzter Parallelisierung dargeboten werden, wobei ein Erfahrungsraum eröffnet wird, der nahezu das gesamte 20. Jahrhundert umspannt; und drittens, weil diese erzählerisch kunstvoll gewobenen Rumänienbilder, diejenigen vom Beginn und diejenigen vom Ende des Jahrhunderts, miteinander kontrastieren, sich ständig wechselseitig kommentieren und zum Teil auch gegenseitig konterkarieren.

Besonders interessant ist die ungewöhnliche Perspektive, aus der der Ich-Erzähler die rumänische Hauptstadt betrachtet und die natürlich von der Idealisierung Bukarests durch die Mutter entscheidend mit geprägt ist. Bukarest ist für ihn nicht nur die Stadt hinter dem Eisernen Vorhang, eine kommunistische Metropole des Ostblocks, etwas letztlich nicht Vorzeigbares, ein „Unort, wohin man nicht ging, woher man nicht kam“ (Christian Haller, Trilogie des Erinnerns, München 2008, S. 667), sondern Bukarest ist für ihn zugleich und in weit größerem Maße ein unerreichbares Ideal, ein verlorenes Paradies, das vor allem im Reich der Phantasie existiert.

Nachdem die Mutter mit ihren Eltern als junge Frau in ein Schweizer Dorf gezogen ist, träumt sie sich immer wieder in eine imaginierte und imaginäre Bukarester Welt zurück. Die Dorfstraße wird zur Fürstenstraße, auf der Kaleschen, Cabs und Landauer dahin rollen, die sie die neue Schweizer Lebenswirklichkeit vergessen lassen: „Man grüßte mit einem Kopfnicken zu einer kreuzenden Kutsche hinüber, bewunderte Madame Volvoreano oder Duca oder Ghica, die statt eines Hutes einen Schal aus Venedig luftig um den Kopf geschlungen trug, entsprechend der Vorliebe Königin Marias, die man in ihrem Automobil zu sehen hoffte, schätzte eine kurze Stockung vor Riegler oder Capşa, um vielleicht ein bekanntes Gesicht im Innern der plüschigen Cafés zu entdecken, und wenn man dann am Palatul Regal und dem Athenäum vorbei beim Hotel Athénée Palace angekommen war, so konnte man sich entscheiden, weiter und hinaus zur Şoseaua Kiseleff zu fahren, wo einmal im Jahr das Blumenfest stattfand und die Chaussee zwischen Gärten und Villen zu den Seen führte, oder eben wieder zu wenden und den Corso durch die Calea Victoriei neu zu beginnen, durch Wagen- und Menschgedränge zurück zum Platz vor dem Nationaltheater, so einige Male, bis man genug gesehen hatte und genug gesehen worden war“ (S.168f.).

Die Reise des Ich-Erzählers nach Bukarest im Jahre 1997 ist zugleich die erinnernde Suche nach der Vergangenheit seiner Familie, insbesondere nach dem Leben der Mutter und des Großvaters. Der Ich-Erzähler sucht diejenigen Orte und Plätze in Bukarest auf, die er schon von Kinderzeiten her gut kennt, zwar nicht aus eigener Anschauung, jedoch aus Erzählungen der Mutter, aus Fotoalben oder von Postkarten, die die Mutter aufbewahrt hat. So hält der Ich-Erzähler eine Postkarte mit einer Ansicht des Bukarester Platzes Sfîntu Gheorghe in Händen, die der Großvater am 30. Juni 1912 an die Großmutter geschrieben hat, bevor sie mit ihren beiden kleinen Kindern dem frisch ernannten Fabrikdirektor an seine neue Arbeitsstätte in Rumänen nachfolgen sollte. „Sfîntu Gheorghe/Lipscani: Das ist der Centralpunkt, nach welchem man von uns aus per Tram fährt, um nach den verkehrsreichen Plätzen zu fahren“ (S. 44), so hatte der Großvater geschrieben, und auf den Tag genau fünfundachtzig Jahre später steht der Ich-Erzähler just an der Stelle, an der der Großvater einst gestanden und in die Strada Lipscani hineingeblickt hatte. Während dem Großvater sich die berühmte Handelsstraße Bukarests jedoch als Ort geschäftigen Treibens und farblichen Reichtums dargeboten hatte, als städtischer Raum „warm und gelb wie Mais, erfüllt von einer Gemächlichkeit und sommerlichen Nonchalance, vielleicht ein kleines Paris“ (S. 50), so erlebt der Ich-Erzähler diesen Ort zwei Generationen später völlig anders: „Ich blickte über breite Fahrbahnen, suchte Großpapas Perspektive zu finden, und sah in die Strada Lipscani hinein, den Blick halb verstellt von einem Kioskgebäude, und es war keine ‚romantische Passage’, in der Stände und Läden an einen ‚bunten, orientalischen Basar’ erinnerten, wie ich in einem Reisebuch gelesen hatte, sondern eine ärmlich zerrüttete Straße mit schäbigen, halb leeren Läden, Baulücken, Ruinen und aufgerissener Pflasterung, ausgesaugt von Entbehrung, als hätte alle Anstrengung auf etwas außerhalb ihrer selbst gerichtet werden müssen – wie in einem Krieg“ (S. 157f.).

So erlebt der Ich-Erzähler die rumänische Hauptstadt, in die seine Mutter niemals mehr zurückgekehrt ist und die er selbst nun zum ersten Mal in seinem Leben besucht, als doppelbödige Parallelwelt, als permanentes Vexierspiel, bei dem sich Gegenwart und Vergangenheit, eigenes Erleben und Familienerinnerung beständig abwechseln und dabei unablässig ineinander gleiten. Dementsprechend versucht der Ich-Erzähler, die von seiner Mutter ins Fürstliche gesteigerte Calea Victoriei, den mondänen Promenier- und Flanierboulevard Bukarests, den „Corso der Eleganz und Verschwendung“ (S. 170), mit den Augen der Mutter zu sehen: „Ich wollte die Calea Victoriei großartig und glanzvoll sehen, doch selbst mit dem besten Willen und einer beschönigenden Phantasie gelang mir dies nicht: Die Straße war ausgezehrt und ausgeblutet, ein trister Korridor des Mangels, grau von Teer und Staub, durch den der Verkehr sickerte. Die Passanten trugen abgenutzte Kleider, und ihre Bewegungen waren müde oder steif von unbewussten Durchhalteparolen. Die Geschäfte hatten wenige und zufällige Waren anzubieten, eher aus Hinterhöfen zusammengetragen als einem Überfluss und Luxus entnommen, und unter dicken Schichten kalkgrauer Vernachlässigung entdeckte ich Reste einstiger Pracht und Urbanität, eine Fassadenfront, ein einzelnes Gebäude, die ich von alten Fotos oder aus Erzählungen kannte, doch sie wirkten wie zufällige Überbleibsel zwischen der drängenden Hässlichkeit der Blocks“ (S. 174f.). Obwohl es dem Ich-Erzähler nicht gelingt, die Calea Victoriei im Sinne der Mutter zu ‚leisten’, um ein Wort Rilkes zu gebrauchen, ruft er sie, die Schwerkranke, vom Bukarester Telefonpalast aus in der Schweiz an. „Und ich spürte ihre Erschütterung. Sie lag im Spital, in einem dieser Vierbettzimmer, abgetrennt vom Alltag, und ihr Sohn meldete sich aus der Vergangenheit, vom Ort ihrer Kindheit, wo sie die beste Zeit ihres Lebens verbracht hatte. Ich begriff, dass ich in dem Moment durch meine Reise zu einer Figur ihrer Seele geworden war, zu einem Boten, der ihr Nachricht aus den eigenen inneren Räumen bringen würde und sich in den Bildern eines mit dem eigenen Sterben beschäftigten Menschern bewegte“ (S. 183). Auf die Frage der Mutter, wie ihm Bukarest gefalle, antwortet der Sohn auf anrührende Weise: „Es ist wunderbar, sagte ich, so überzeugt, wie es mir möglich war und auf eine später noch zu entdeckende Art auch stimmte. Ich mag die Stadt, ich liebe sie! Der Triumph teilte sich selbst über diese Distanz hinweg durch die Telefonleitung schweigend mit. Sie war erlöst, sie hatte sich nicht getäuscht, es gab Bukarest, es gab die Calea Victoriei noch, und sie waren genauso geblieben, wie sie die Stadt und ihre Prachtstraße erinnerte, nämlich wunderbar“ (S. 183f.).

So lässt sich insbesondere der erste Teil der „Trilogie des Erinnerns“ nicht nur als Familienroman lesen, sondern auch als Bukarest-Roman, der eine Fülle von urbanen Schauplätzen wie einen Bilderbogen aufblättert und diese in unterschiedlichster Weise kommentiert. Dabei kommt Familiengeschichtliches wie Zeitgeschichtliches, Stadthistorisches wie Kunsthistorisches gleichermaßen zur Geltung. Die Bronzeplastik „Die Läufer“ (1913) von Alfred Boucher, die früher vor dem Athenäum stand und heute an der Calea Victoriei neben dem Wirtschaftsministerium aufgestellt ist, wird in den Augen des Ich-Erzählers zum Sinnbild atemloser Gehetztheit und überstürzter Flucht angesichts einer hässlichen und verlogenen Lebenswelt. Der Bukarester Bahnhof gerät ins Blickfeld des Erzählers, der Park Cişmigiu, der Stadtfluss Dîmboviţa, der See Herăstrău, das Restaurant Carul cu Bere, die Piaţa Unirii und neben vielem anderen immer wieder auch die Bukarester Hunde: „Bukarest ist voll von Hunden, es gibt bestimmt zwei- bis dreihunderttausend davon in der Stadt, sie sind überall, und es ist ihnen längst nicht mehr beizukommen. Sie sind ein Erbe des bürgerlichen Bukarest, das noch aus Häusern mit Gärten bestand und in dem jede Familie ihren Vierbeiner hatte. Als Ceauşescu den Stadtkern zerstörte und die Leute in die Wohnblocks zwang, durften sie keine Hunde mitnehmen. Die Tiere blieben in den Straßen zurück, verwilderten, vermehrten sich“ (S. 141).

Am Ende des Romans „Die verschluckte Musik“ gelangt der Ich-Erzähler schließlich zur Villa in der Strada Morilor, in der die Mutter groß geworden ist. Die Villa liegt im Süden der Stadt, am Rande des jüdischen Viertels und unweit des Schlachthofs, wo im Januar 1941 Legionäre der „Eisernen Garde“ ermordete Juden mit der Aufschrift „koscheres Fleisch“ an Fleischerhaken aufgehängt hatten. Auch dies kommt in Christian Hallers Romantrilogie zur Sprache, die Familiengeschichtliches in einen welthistorischen Horizont zu rücken weiß und die das Schicksal der Familie zu geschichtlichen Ereignissen wie dem Ersten Weltkrieg, dem Zweiten Wiener Schiedsspruch, der Deportation und Vernichtung europäischer Juden, dem Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen wie auch der Rumänischen Revolution von 1989 in Beziehung setzt.

 

 

Neu Zürcher Zeitung, 13. 11. 2001
Andrea Gnam

Rückkehr zur Schau der Dinge

Christian Hallers Roman über ein entschwundenes Bukarest  

«Es schwankt» - mit dieser Feststellung beginnt undendet der Roman «Die verschluckte Musik» des 1943 geborenen Schweizer Autors Christian Haller. Sie steht geradezu paradigmatisch über einem Werk, das sich einer Erinnerung annimmt, die nicht die unmittelbare eigene Vergangenheit ist. Die literarischeRekonstruktion einer zwar fremden, aber doch aus Familienerzählungen präsenten Zeit ist eine Hommage des Ich- Erzählers an seine Mutter.

Altersverwirrt und sterbenskrank möchte sie sich der Existenz der Stadt ihrer Kindheit vergewissern. Als Tochter des Schweizer Direktors einer Textilfabrik hatte sie vor und nach dem Ersten Weltkrieg eine grossbürgerliche Kindheit im alten Bukarest zugebracht. Ihretwegen fährt der Sohn nach Bukarest. Er soll ihr berichten, ob diese Stadt, wie so vieles andere, nur in ihrer Vorstellung oder doch auch im wirklichen Leben existiert. Das Bukarest, das ihm aufgegeben ist zu suchen, ist zweifellos für den Sohn der «jenseitige Seelenraum der Mutter». Wie aber als Erzähler sich einem Ort und einer Zeit nähern, die beide imaginär bleiben werden und dennoch konkretes Leiden an der Vergangenheit zeigen - hierin der «verschlucktenMusik» gleichend, welche der verwirrten Mutter aus ihrem eigenen Leib entgegenzutönen scheint?

Szenen eines verblichenen Universums
Hallers Erzählkunst ist eindrucksvoll, glänzend und dicht wie realistisches Erzählen im späten neunzehnten Jahrhundert. Äusserst reflektiert und hier wieder ganz Kind seines eigenen Jahrhunderts, zeigt er dabei die Mittel der Illusionierung, die ihm als Autor zuVerfügung stehen, um Szenen und Personen eines verblichenen Universums vor Augen zu führen. Visuelle Medien wie Photographie und Film, die dem Leser als private und zugleich zeitgeschichtliche Vermittler eines Gedächtnisses zur Verfügung stehen, schwankende Zeugnisse einer entronnenen Zeit, führen zunächst wohlbekannte Erinnerungsbilder vor Augen. Sie beschwören eine Vergangenheit, wie sie das Familienalbum zuwegbringt. Korrekt gekleidete Gestalten, liebenswürdig und anrührend steifbeinig, findet man hier. Der Erzähler hat den Ort ihrer Sehnsucht, wie er dem Leser mitteilt, «blau koloriert». Trügerisch sind diese Photographien im Hinblick auf die Erinnerung selbst, vor die sie sich schieben. Auf einer Photographie ist von der Mutter nur noch eine Schleife zu sehen. Der langen Vorbereitungen überdrüssig, mit der ihr Vater Haus und Familie standesgemäss in Szene setzen will, hat sie sich hinter einem Baum versteckt. Etwas anders verhält es sich mit den Erzählungen der Mutter, die beim Sohn eigene Bilder, ein «Kopfalbum» evozieren, das nicht minder präsent ist wie das Familienalbum. Besonders nachhaltig aber sind die akustischen Bruchstücke, die den Sohn - unverstanden - die dunklen Seiten der Geschichte der so urban wirkenden Stadt ahnen lassen: Ein rätselhafter obszöner Fluch und der Klang des rumänischen Wortes für Schlachthaus, in dem später entsetzliche Verbrechen an Juden stattfinden werden, legen sich über das heitere Bild.

Gewebe und Gerümpel
Um den allmählichen Rückzug der Mutterausdem Leben zu zeigen, die sich schon als junge Frau in die Vergangenheit geflüchtet hat, setzt der Erzähler eine alteingeführte literarische Metapher, die des Textes als eines Gewebes, opulent und einleuchtend in Szene. Die Mutter erzählt von einem Ornament, das auf Bändern und Stoffen, auf Häusern und Kacheln das alte Bukarest durchzieht. Dem kleinen Mädchen wird es zum magischen Inbegriff für die so faszinierende wie in ihrer Kultur doch fremd gebliebene Stadt. Wie in einem von der Zeit still gestellten Genrebild sieht der Sohn, selbst noch ein Kind, die Mutter selbstvergessen über aus Bukarest mitgebrachte Stoffe gebeugt. Das Gewebe mit den Fingerspitzen berührend, scheint sie vor den Augen des ratlosen Jungen in die Heimat der Vergangenheit zu entschwinden.

Der erwachsene Sohn, der das heutige, von Ceausescu rücksichtslos umgestaltete Bukarest besucht, ist hingegen mit einer prosaischen Gegenwart konfrontiert. Zur literarischen Beschwörung des alten Bukarest muss er auf andere Erinnerungsbilder aus seinem privaten Bilderarchiv zurückgreifen: etwa auf den Eindruck des Fremden bei seiner Ankunft in Bangladesh. Dass er beruflich Paläontologe ist und in seinen Bericht Auszüge aus einer Forschungsarbeit über den Aufbau der Feder einflicht, die zwar motivisch lose mit der Familien- geschichte verknüpft werden, ist in dieser feinsinnigen Studie über die Konstruktion der Erinnerung fast überflüssig. Allerdings motiviert es jene langen Satzverknüpfungen, die flugs von der Gegenwart in die Vergangenheit springen. Gerne auch über die Generationen hinweg schlagen sie durchaus gelungene, schwindelerregende Bögen zur Erd- und Kulturgeschichte. Die Passagen über das heutige Bukarest, über die Wunden, welche die Ceausescu-Ära hinterlassen hat, geben dem Buch eine zusätzliche Dimension, die weit über die private Erinnerungsarbeit und die literarische Reflexion hinausgeht, und bewahren es vor bodenloser stilistischer Artistik. Wie eine Rückkehr zu einer Schau der Dinge selbst scheint es dann auch, wenn der Sohn in einem Raum voll alten Gerümpels ein mit eigenen Augen gesehenes Symbol erkennt (es mag an Walter Benjamin erinnern), das den Zustand der Mutter, aber auch den der kollektiven Erinnerungsarbeit ins Bild setzt. Im wie ein Wunder noch vorhandenen grossväterlichen Haus in Bukarest lässt er sich den Salon zeigen. Von der derzeitigen Besitzerin, einer ehemaligen Funktionärin des Ceausescu-Regimes, wird er als Abstellkammer genutzt. Er habe die Empfindung, in die innerste Welt der Muttergetreten zu sein, schreibt der Erzähler, «in ihr altes brüchiges Hirn, alles war dort wie früher, der Plafond, die Wände und Tapeten, nur gealtert und jetzt voll gestellt mit Stücken, die sich angesammelt hatten, die man nicht weggeben oder aufgeben wollte und die nun gestapelt hier lagen, mit der Zeit immer mehr in Unordnung geraten. Und ich stand nur einfach da, in dieser verfallenden Welt, sah und hatte gefunden und war selbst wie erlöst.»

Christian Haller: Die verschluckte Musik. Roman. Luchterhand-Verlag, München 2001. 268 S., Fr. 32.80.